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Home TREND JOURNAL Entdeckungen SIVERT HÖYEM
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Geschrieben von Corinne Sutter
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Mittwoch, 02. Juni 2010 |
ICH WERDE JETZT EIN ROCKSTAR!
Der einstige Frontman von MADRUGADA ist nach deren tragischer, durch den Tod des Gitarristen ROBERT BURÅS bedingter Auflösung erstmals solo unterwegs. Nach jedem Release ihrer fünf Alben hat die bekannteste norwegische Rockband im ABART live gespielt. Anlässlich seiner Solotour beehrte diesen Frühling auch SIVERT HÖYEM das Zürcher Konzertlokal. Karikaturistin CORINNE SUTTER traf den charismatischen Ausnahmesänger kurz vor seinem Auftritt. Und das Gespräch der beiden wollte kein Ende finden...
CORINNE SUTTER: Die Konkurrenz lauert in jeder Ecke. Setzt das Druck auf? – SIVERT HÖYEM: Dessen bin ich mir natürlich bewusst. Aber ich habe keinen grossen Druck mehr auf mir lasten – vielleicht ein Zeichen des Alters. Und weil MADRUGADA in Norwegen grosse Erfolge verzeichnete.
Stellst du dir manchmal die Frage, weshalb gerade du Erfolg hast? – Viele Bands kommen nirgendwo hin, was mir manchmal leid tut. Da schätze ich das Privileg, Musiker zu sein, umso mehr. Dies erreicht zu haben, sehe ich meist als die logische Folge meiner Arbeit. Ich habe seit Jahren meine Energie voll in die Musik investiert.
Und du weisst, was dich vielleicht von jenen, die im Probekeller stecken bleiben, unterscheidet – und dass im Beruf eines Profimusikers nebst dem Kernbusiness diverse andere Aufgaben anfallen. Stell bitte einmal eine Schätzung auf, welche Aufgabe wie viel Zeit einnimmt. – 15% sind fürs Songwriting. Dann 35%, um Anwälte zu treffen – alte Geschichte-, Administratives, halt Business. Ich habe noch nie eine Aufstellung gemacht. Aber die restlichen 50% würde ich in je 20% Reisen und Interviews, Promo und 10% in Recording und Performing unterteilen.
Also macht der kreative Anteil etwa einen Viertel aus. Würdest du dein 100%-Pensum einem durchschnittlichen Pensum einer angestellten Person gegenüber als mehr oder weniger zeitintensiv einschätzen? – Wohl eher als weniger. Es bleibt auch sehr viel Zeit, in welcher ich nichts tue. Das brauche ich. Vermutlich, um zu verarbeiten und auf neue Ideen zu kommen.
Da bin ich froh. Die Langeweile oder das produktive Nichtstun, wie ich es zu nennen beliebe, ist vermutlich die beste Quelle aller Kreativität. So wird es auch weiterhin Songs von dir geben. Arbeitest du denn derzeit schon an neuen Ideen? – Ich habe einige Texte notiert und Melodiefetzen ins Handy eingesungen (lacht), aber viel Brauchbares ist da nicht drunter.
In der Zeit von MADRUGADA hast du – damals als Nebenprojekt – bereits solo gearbeitet. Einige dieser Songs, vor allem die grossen, epischen Rocksongs, wurden von deinen Bandkollegen ins Bandrepertoire aufgenommen und blieben auch dort. So blieben dir als Solokünstler meist die vom Folk inspirierten Titel. Jetzt, da du nur noch solo arbeitest, steht dir eine viel grössere stilistische Bandbreite zur Verfügung. – Das ist so. Meine aktuelle Scheibe wurde aber auch schon als recht «normal» eingestuft. Einige der Songs sind bis zu zehn Jahre alt. Für die Zukunft habe ich aber Visionen für Songs, welche zu beschreiben wohl den Rahmen sprengen würden.
Du bist seit über 15 Jahren Musiker. Wie kam es zu dem Schritt, die Musik zum Beruf zu machen? – Dies war sofort klar, nachdem MADRUGADA 1995 ins Leben gerufen worden war. Ich studierte zu diesem Zeitpunkt noch Geschichte, brach ab mit den Worten: Ich werde jetzt ein Rockstar! – Unvorstellbar! Der bescheidene SIVERT, der mir hier gegenüber sitzt, hat das rumposaunt? – (SIVERT grinst verlegen): Ja, wirklich! – Und als Kind hast du schon stets von diesem Leben geträumt? – Nein, gar nicht. Ich habe viel gezeichnet. Mein Vater hätte eher vermutet, ich würde einen Beruf wie den deinigen ausleben.
Und was ist bei dir ein besonders starker Auslöser dieses Bedürfnisses? – (SIVERT denkt besonders lange nach): Ich kanns nicht sagen. In der Regel gibt es da einfach den Drang, mich auszudrücken. Meistens habe ich in diesem Moment gar nichts zu sagen... Und ich schlage jedenfalls nie die Zeitung auf und weiss: Darüber will ich einen Song schreiben!
Und dann wird dir im Verlaufe des Songschreibens klar, worum es bei dir gerade geht? – Ich weiss nicht – vielleicht läuft es tatsächlich in dieser Reihenfolge ab.
Wie auch immer: Momentan geht es vor allem um deinen Gig nachher. Wie steht es um deine Nervosität, jetzt, da du erstmals als Solokünstler auftrittst? – Nervös bin ich nicht. Eher müde. Nervosität ist bei mir sowieso selten und tritt meist nur bei speziellen Anlässen auf. – Wie beispielsweise, als du als Support von LEONARD COHEN, einem dich stark inspirierenden Musiker, fungiertest? – Nein, da bestand kein Anlass zur Nervosität. Das war sowieso eher enttäuschend. Er hat sich stark zurückgezogen, mir keine Gelegenheit geboten, ihn kennenzulernen. Aber vielleicht war es besser so. Sein Idol zu treffen, könnte die Seifenblase, welche ihn umgibt, zum Platzen bringen. Aber es hätte sich halt gut angefühlt, sagen zu können, ihn getroffen zu haben. – Das ist interessant. Es wäre also weniger um das eigentliche Gespräch denn um den Stolz gegangen. Was in mein Bild passt. Künstler haben oft einen sehr hohen Geltungsdrang, andere zu unterhalten, Applaus oder Rückmeldungen zu bekommen. Dass sie sich auf die Bühne wagen, wird oft mit einem guten Selbstbewusstsein in Verbindung gebracht. Doch der Antrieb, dies überhaupt nötig zu haben, würde auf ein eher schwaches Selbstbewusstsein deuten. Wie siehst du das? – Das Performen ist für mich vor allem Erfahrungssache, dazu brauche ich kein grosses Selbstbewusstsein. Ich bin immer kritisch zu mir, was wohl dazu beiträgt, dass ich nie ganz zufrieden mit mir bin und mir immer wieder etwas beweisen muss.
Du scheinst eine recht ehrgeizige Person zu sein. – Nein, als besonders ehrgeizig sehe ich mich nicht. – Aber ein SIVERT ohne Träume ist doch schwer vorstellbar. – Das stimmt. Nachdem ich ein Produkt abgeschlossen habe, bin ich meist unzufrieden über meine Leistung. Und möchte ein neues, besseres vollbringen. – Was vielen Künstlern so ergeht. Sie erklimmen einen Berg um den andern und ersehnen sich, einst oben, trotz blutiger Fersen schon den nächsten. Denkst du, du könntest irgendwann auf einem Berg landen, dessen Aussicht dir so gefällt, dass du dort bleiben würdest? – JEAN RAMBEAU, ein französischer Schriftsteller, hatte von einem Tag auf den nächsten aufgehört zu schreiben. Das ist für mich völlig unvorstellbar. Es würde mit Sicherheit wieder diese gewisse Unzufriedenheit in mir aufsteigen, der Drang, Neues zu schaffen. – So wirst du weiterhin deinen Antrieb aus der Unzufriedenheit ziehen, nur um dann schlussendlich doch wieder unzufrieden zu sein über dein Schaffen. Keine lustige Vorstellung. – (SIVERT (lacht) Es ist tatsächlich meistens nicht sehr lustig.
Und doch lebst du als Künstler. Würdest du dich als «Artslave», Sklaven der Kunst, bezeichnen? – Für mich ist die Kunst sicher das Wichtigste im Leben, ich bringe Opfer für sie. Andere haben in meinem Alter (SIVERT ist 34 Jahre jung) Frau und Familie.
Ist ein solcher Weg für dich ausgeschlossen? Die meisten Künstler haben eine pathetische Einstellung zu ihrem Beruf, stellen ihn über sich, opfern sich für ihn auf – und doch führt es nie zu langfristiger Zufriedenheit, welche wohl paradoxerweise gar den Tod eines Künstlers bedeuten würde. Ich kenne diesen ewigen Kreislauf von mir selbst. Und habe von der Eintagsfliege den Sinn des Lebens abzuleiten versucht. Ihr steht nur eine kurze Lebzeit zur Verfügung. Da abstrahiert sich, worum es im Leben gehen könnte. Und jede einzelne wird versuchen, sich in dieser Zeit fortzupflanzen. – Vermutlich hast du recht. Irgendwie ist es bisher noch nie dazu gekommen, mir über eine eigene Familie Gedanken zu machen. – Du hast ja auch noch Zeit. – Und die jetzige Situation ist für mich schon auch befriedigend. Das Sinnstiftendste, was ich tun kann, ist es, Songs zu schreiben und diese mit der Band und dem Publikum zu teilen. Und darum geht es vermutlich als Künstler. Seine Gefühle andern Menschen mitzuteilen.
Dieses Bedürfnis steckt in unglaublich vielen Menschen, weshalb man sich glücklich schätzen kann, wenn es auch auf offene Ohren stösst. – Genau. Viele meiner Freunde sind Autoren. Sie arbeiten Tag und Nacht für sich alleine und trinken viel, um sich in diese bestimmte Schreibstimmung zu bringen. Der Dank bei Lesungen ist gering – ein kleines Publikum, wenig Echo. Ein Musiker kriegt sein Feedback unmittelbar auf der Bühne.
Lesungen sind intellektuell fordernd und sprechen so nur eine gesellschaftliche Minderheit an. Bei Konzerten kann man entspannen, sich unterhalten, trinken... – Vielleicht füllen die Autoren ihr Manko an Rückmeldung vonseiten des Publikums im gegenseitigen Austausch auf Beizentouren, wo sie ihr fast übersteuertes Redebedürfnis und ihren Durst stillen. – Das Pendant zur Band, die sich im Proberaum in Jams musikalisch austauscht. Da stehen wir Maler und Zeichner ja recht schlecht da. – (SIVERT lacht): Yes – you are totally fucked.
Sivert schaut die Karikatur länger an. «So sehe ich aus?» Er ist tatsächlich recht nachdenklich ausgefallen, was mindestens so sehr sein Wesen wie sein Gesicht widerspiegelt. «Ich muss jetzt zum Radiotypen.» Und er würde sich über eine Kopie freuen. SIVERT bedankt sich und verabschiedet sich mit einer herzlichen Umarmung.
Album: «Moon Landing» (Warner)
www.siverthoyem.com
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