Samu Haber: «Ich dachte einfach nur: Was zur Hölle kommt jetzt?»

Quelle: Universal Music

Samu Haber: «Ich dachte einfach nur: Was zur Hölle kommt jetzt?»

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Vier Jahre sind vergangen, seit Sunrise Avenue ihr letztes Studioalbum herausgebracht haben. Mit „Unholy Ground“ holten sich die erfolgreichen Finnen Gold und Platinum. Auch ihre ausverkauften Headliner-Touren durch die europäischen Stadien sprachen für ihren Erfolg. Nun melden sich die Rocker mit „Heartbreak Century“ zurück. Das TREND MAGAZIN traf den charismatischen Frontmann Samu Haber zum Interview.

In einer Notiz auf Facebook hast du das Album als eine Art „Neuanfang“ für die Band bezeichnet. Wie meintest du das?

Samu Haber: Es ist irgendwie schwer wieder anzufangen nach einer so langen Zeit. Schlussendlich habe ich mich entschieden, alles in den Eimer zu werfen und mir keine Gedanken darüber zu machen, was irgendwer erwartet oder was ich selber erwarte bezüglich Songwriting und Producing. Ich wollte einfach – wie auf einem weissen Blatt – neu beginnen. Es ging darum, wieder zur Musik zurückzufinden und zu vergessen, was die Leute von einem erwarten, was wir erwarten oder was das Business um uns herum erwartet. Es sollte einfach echt sein.

Du hast erzählt, dass du in den letzten vier Jahren über 100 Songs geschrieben hast. Wie entscheidest du, welche es auf das Album schaffen und welche nicht?

Samu: Nun, wie entscheidest du, was du im Restaurant bestellen willst? Da sind zwar hundert verschiedene Dinge auf der Menükarte, aber du weisst es einfach. Es ist wirklich so, dass ich es einfach weiss. Und es ist so, dass es nicht hundert fertige Songs waren. Es waren viele. Auf jeden Fall hundert Ideen. Aber wenn ich sie dir alle vorspielen würde, würdest du sofort hören, dass einige davon ziemlich schlecht sind (lacht). Diese habe ich auch nie dem Label oder den Jungs oder sonst jemandem vorgespielt. Aber es ist wirklich so, dass du es einfach weisst. Du weisst, dass das ein Song ist, von dem du willst, dass ihn die Leute hören, den du auf der Bühne spielen willst und dann produzierst du ihn, spielst ihn mit den Jungs und bringst ihn raus. So einfach.

Können die Jungs aus der Band bei der Entscheidung mitreden?

Samu: Klar. Ich meine, ich spreche mit vielen Leuten darüber aber… Ganz ehrlich, schlussendlich war es immer meine Entscheidung. Es ist meine Band, mein Projekt. Ich liebe die Jungs und sie sind echt grossartig. Aber es ist halt so: Eine Band spielt zusammen, macht Musik zusammen, aber ein Künstler schreibt den Song. Und das bin ich. Ich versuche mein Bestes, um ein guter Boss meiner Band zu sein (grinst). Besonders nach „Hollywood Hills“. Damals waren ja alle dagegen. Niemand hat daran geglaubt und die Plattenfirma war der Meinung, dass es nicht hinhauen würde und meinte. „Wir bringen es raus, wenn du unbedingt willst. Aber es wird euch zerstören.“ Danach habe ich nie wieder so richtig auf irgendjemanden gehört. Ich spiele die Songs meiner Mutter, der Band und auch sonst allen vor. Aber schlussendlich ist es meine Entscheidung.

Um Inspiration für „Heartbreak Century“ zu finden bist du sehr oft alleine gereist. Was für eine Erfahrung war das?

Samu: Nun, ich habe das schon immer so gemacht. Ich bin alleine nach Spanien gezogen als ich neunzehn Jahre alt war. Ich habe die Songwriting-Trips immer alleine gemacht. Ich meine, das erste Album habe ich mit einem Produzenten – oder alleine – in Finnland geschrieben. Beim zweiten Album war ich ziemlich verloren. Aber seit den „Hollywood Hills“-Zeiten ist es meine Art von Therapie, alleine in der Welt herumzureisen und alleine Songs zu schreiben. Ich liebe es. Das ist irgendwie der beste Teil des Business. Es ist cool dich mit deiner Gitarre ins Flugzeug zu setzen, irgendwo hinzufliegen und nicht zu wissen, wen du treffen wirst und wie das Studio sein wird. Manchmal bist du echt nervös und es ist ein Mix zwischen einem beängstigenden und gleichzeitig aufregenden Gefühl. Ich liebe das wirklich.

Was war die grösste Challenge beim Schreiben von „Heartbreak Century“?

Samu: Die grösste Challenge war definitiv die Inspiration. Also ich meine… die Inspiration zu finden war einfach. Aber enthusiastisch zu werden beim Gedanken ein neues Album herauszubringen war schwierig. Weil im Ernst, nach der letzten Tour hatten wir so ziemlich alles erreicht. Ich dachte einfach nur: „Was zur Hölle kommt jetzt?“ Ich weiss zwar nicht mehr, wo das letzte Konzert der Orchestertour war, aber es war ein riesiges Ding, das wir da aufgezogen hatten mit vierzig Leuten auf der Bühne. Und ich dachte damals Backstage wirklich: „Was zum Geier mache ich als nächstes?“ Sollte es wieder kleiner werden und einfacher? Wir hatten eine Big-Band-Tour, eine Akustiktour, eine Orchestertour, waren in grossen Stadien und Arenen und haben auch sonst alles gemacht, was man machen kann! Deshalb hat es zuerst eine Weile gedauert dieses „Scheisse das ist cool“ Gefühl wieder zu finden und ich bin wirklich froh, dass ich es wiedergefunden habe. Ich würde nie wieder ein Album herausbringen, wenn ich es nicht wirklich fühle und ich würde es nie wegen des Geldes machen. Ich kann das alles schon morgen hinter mir lassen, wenn es sein muss. Ganz einfach. Ich liebe es, ich habs gemacht, aber scheiss drauf (grinst). Ich werde immer meinem ehrlichen Gefühl folgen. Ja, es hat etwas Zeit gebraucht. Es gab einen Punkt, an dem ich gedacht hab: „Fuck this shit“ und ich weiss nicht, ob es das wiedergeben wird. Aber es braucht echt viel Zeit und ich würde nie rausgehen und sagen „Hey, das ist unser tolles Album“ wenn ich es nicht auch wirklich so empfinden würde. Die Songs, die wir mit dem letzten „Best-Of-Album“ herausgebracht haben, habe ich zum Beispiel gar nicht promoted. Es war einfach: „Zwei neue Songs, viel Spass.“ Und jetzt rede ich wieder über etwas, das ich wirklich liebe und hinter dem ich voll stehe. Ich habe noch nie so hart für ein Album gearbeitet. Als Executive Producer hatte ich alle Fäden in der Hand und ich habe noch nie so viel Schlaf wegen etwas verloren wie bei diesem Album. Vielleicht wird es jemand lieben, vielleicht jemand nicht. Aber ich liebe es und es ist meiner Meinung nach bei weitem das beste Album, das wir je gemacht haben.

In den letzten paar Jahren habt ihr in riesigen Stadien und Arenen gespielt. Wie fühlt es sich an, nun wieder in die kleineren Clubs zurückzukehren?

Samu: Toll. Das ist genau das, was ich wollte. Als ich den Leuten die Idee zum ersten Mal vorgeschlagen habe, meinten sie im ersten Moment: „Bitte nicht.“ Klar, finanziell gesehen ist es irgendwie ziemlich dumm. Du kannst nur um die 800 Tickets pro Show verkaufen, musst aber trotzdem das ganze Equipment und die ganzen Trucks haben, um alles zu transportieren. Aber ich habe mich irgendwann im letzten Sommer Backstage bei „The Voice of Germany“ gefragt: „Was will ich machen, wenn das Album draussen ist?“ Und ich dachte mir: „Scheisse, ich will zurück – okay nicht in die kleinsten Venues – aber zurück in die Clubs, um nah bei den Leuten zu sein. Vielleicht muss die Show nicht zweieinhalb Stunden gehen, vielleicht braucht es keine Bildschirme und Laser, vielleicht stellst du dich einfach auf die Bühne, spielst und singst. Das wäre es doch.“ Und jetzt da wir angefangen haben zu üben ist es einfach. Es sind nur die Songs und wir und es gibt kein „stell dich nicht dahin, da ist ein Laser“. Man kann einfach den Moment geniessen und es fühlt sich toll an.

Eure Shows in der Schweiz, Deutschland und Österreich waren in weniger als zehn Minuten ausverkauft. Was hältst du davon?

Samu: Natürlich finde ich es super. Es wäre echt schlimm, wenn niemand ein Ticket kaufen würde (lacht). Das wäre ein deutliches Zeichen, dass es jetzt an der Zeit ist aufzuhören. Natürlich fühlt es sich grossartig an!

Du hast schon so viele Shows gespielt, bist du noch nervös, bevor du auf die Bühne gehst?

Samu: Nervös ist das falsche Wort. Eher vielleicht… Nennen wir es „Bühnen-Fieber“. Das fühlt sich ein bisschen an wie Schmetterlinge im Bauch. Wenn ich dieses Gefühl je verliere, dann habe ich keinen Grund mehr weiterzumachen. Denn das ist genau das, was du haben willst. Dieses Bühnen-Fieber. Das überkommt dich und dann gehst du raus und hast einen unglaublichen Abend mit den Leuten und deiner Band. Deswegen fühlt es sich so toll an. Wenn es einfach nur Spielen wäre, was wäre dann der Sinn?

Dann wäre es einfach nur ein Job.

Samu: Ich würde es nie als Job machen. Nie.

Seit dem ersten Album „On The Way To Wonderland“ sind inzwischen elf Jahre vergangen. Wie hat sich das Musikbusiness seither verändert?

Samu: Ziemlich stark (lacht) und ich liebe es. Es ist so verdammt cool. Ich meine vor zehn Jahren gab es nur so zwei oder drei grosse „Gatekeeper“ weltweit. Es gab die grösste Radiostation und MTV. Mit denen musste man einfach befreundet sein. Und heute kannst du deine Musik überall haben. Du kannst sie auf Instagram verbreiten oder du kannst deine eigene Spotify Playlist machen. Ausserdem ist das Business viel wilder heutzutage und das passt echt gut zu mir, weil ich ja auch ein Musikmanager bin und ich mag den Businessteil. Heute hat man so viel mehr Optionen und Möglichkeiten als früher.

Du hast es grade selbst angesprochen, du bist auch Teil von Comusic Management Finland, richitg?

Samu: Ja es ist meine Firma. Meine und die eines Freundes.

Gibt dir die Arbeit als Manager im Vergleich zu deiner Tätigkeit als Musiker einen anderen Blickwinkel?

Samu: Ja klar. Als Manager musst du immer bisschen aufpassen, was du sagst, wann du es sagst und so weiter. Denn es geht dabei ja um die Karriere von jemand anderem. Als Musiker hingegen kann ich einfach sagen: „Ihr könnt mich alle mal, ich mach das jetzt so!“ Weil dann ist es meine Karriere und es geht um mein Projekt.

Aber ich weiss, dass ich anderen wirklich helfen kann, weil ich das alles schon selber erlebt habe. Wie beispielsweise Niila – den du ja auch schon kennen gelernt hast – und ein paar anderen Künstlern, die wir haben. Ich weiss zum Beispiel wie sie sich fühlen, bevor sie auf die Bühne gehen, bevor sie zu einem Interview gehen oder was auch immer. Ich mag das Gefühl anderen helfen zu können wirklich sehr. Ausserdem gibt es mir auch eine interessante Perspektive in Bezug auf mein eigenes musikalisches Ding.

Corinne Kirchhofer traf Samu Haber von Sunrise Avenue zum Interview in Zürich.

Wenn du jetzt auf deine bisherige Karriere mit Sunrise Avenue zurückschaust, was war so im Allgemeinen die grösste Herausforderung?

Samu: Uff, so viele Herausforderung gab es eigentlich gar nicht. Aber es ist auch nicht so einfach, wie die Leute vielleicht denken. Ich will mich echt nicht über irgendwas beschweren, denn es war eine fantastische Reise bis jetzt. Ich glaube das Schwerste war gesund zu bleiben und den Kopf nicht zu verlieren. Denn am Anfang ist es schon echt komisch, wenn du plötzlich berühmt und erfolgreich wirst und dann hast du auf einmal auch ein Vermögen, sowas halt. Es ist komisch am Anfang, damit umzugehen. Und dann ist es natürlich auch eine Herausforderung Musik zu kreieren, die du persönlich liebst. Somit ist irgendwie immer das Songwriting das Tor zu allem anderen. Aber es ist eine unglaubliche Reise. Ich bin so verdammt stolz drauf, wenn ich zurückschaue. Es ist bisschen wie „Fuck you, ich habe es wieder geschafft“ (lächelt stolz). Auch wenn niemand es kaufen würde, wäre es mir egal, weil ich so verdammt stolz auf das bin, was da drinsteckt.

Du warst dieses Jahr ja auch noch Teil der finnischen Serie „Vain Elämää“. Wie war es für dich zur Abwechslung auf Finnisch zu singen?

Samu: Ich habe es geliebt! Es war wirklich, wirklich toll. Ich habe den ersten Song mit einem befreundeten Produzenten gemacht und als ich ihn das erste Mal gesungen habe, meinte er: „Okay. Das ist das, was du schon dein ganzes Leben lang hättest machen sollen.“ Es fühlte sich einfach natürlich an. Ich könnte mir wirklich vorstellen, irgendwann ein Soloalbum auf Finnisch zu machen. Das wäre echt cool.

Ich würde es kaufen (lacht).

Samu: Ich weiss nicht, ob in zwei Jahren noch irgendjemand irgendwas Musikalisches kauft oder es sich einfach auf YouTube oder sonst wo anhört (lacht). Aber es wäre dann doch auch irgendwie komisch. Ich glaube, ich hätte ziemlich viel Mühe Lyrics auf Finnisch zu schreiben, weil alles irgendwie so eigenartig klingen würde. Vielleicht würde ich sie einfach von jemand anderem schreiben lassen. Aber es hat sich so gut angefühlt. Es war die beste Erfahrung aller Zeiten. Es ist dasselbe wie bei „Sing meinen Song“ in Deutschland. Ich liebe das Konzept. Es ist echt Hammer einen Blick zurück auf deine Karriere zu werfen und dich selbst etwas besser kennenzulernen.

Letzte Frage: Was sind drei Dinge, die bei dir nie im Tourgepäck fehlen dürfen?

Samu: Drei Dinge die nie fehlen dürfen…. (denkt nach). Ich brauch eigentlich gar nichts. Eine elektrische Zahnbürste wäre vielleicht nicht schlecht. Sonst weicht die erste Reihe nach ein paar Tagen auf Tour vier Schritte zurück (lacht). Hm, nein aber ernsthaft, ich brauch eigentlich nichts. Vielleicht Inlineskates. Das braucht man. Ich meine klar, man braucht Instrumente und Unterwäsche. Aber… (denkt nach). Inlineskates, eine elektrische Zahnbürste und… ein iPhone damit ich die Setlist verändern kann, wann immer ich will. Aber eigentlich brauche ich dazu kein iPhone, denn ich kann einfach rufen: „Markus, ändere die Songs!“ (lacht).


Konzerte

  • Montag, 20. November 2017: Xtra Zürich – ausverkauft
  • Mittwoch, 14. März 2018: Hallenstadion Zürich – www.ticketcorner.ch

 

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Kategorie: Interviews, Musik

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