Modische Symbiose: Wie viel Unisex braucht die Welt?

Auch das französische Label AMI definiert die internationale Unisex-Mode

Quelle: [M] imago images / ZUMA Press

Die grossen Modehäuser dieser Welt haben dem Schubladendenken den Kampf angesagt. „Unisex“-Kleidung erobert die Laufstege und Kleiderschränke. Oder doch nicht?

Sie sind vorbei, die Zeiten, in denen Modeschöpfer in getrennten Geschlechterrollen dachten und designten. Spätestens seit den Herbst/Winterkollektionen 2019/20 der Fashion Weeks erobert Androgynie die Laufstege. Aber wie viel Unisex verträgt unser Alltag eigentlich?

Luftige Männermode bei Thom Browne

Weibliche Rundungen sieht man auf den Runways dieser Welt sowieso selten. Dünn war und ist seit jeher die Devise der Designer. Das scheint aber die einzige Konstante in der schnelllebigen Modewelt zu sein. Heute tragen weibliche Models Anzug und Schlips, Male-Models stapfen dafür in Jäckchen und plissierten Röcken über den Laufsteg. So geschehen und gesehen anlässlich der Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2017 von Thom Browne.

Alltagstauglich schienen diese Kreationen nun nicht gerade, ungewöhnlich waren sie allemal. Das dachte sich wohl auch der US-amerikanische Football-Spieler Odell Cornelius Beckham Jr. (26). Anlässlich der Met Gala präsentierte er sich im Andro-Style den Fotografen. Mit Fliege, Weste, plissiertem Rock und derben Boots war er der Hingucker auf dem Red Carpet.

AMI: Männer-Label mit Frauen-Klamotten?

Alexandre Mattiussi, Gründer des französischen Männer-Labels AMI, lancierte 2018 nahezu identische Mode. Für seine Kreationen schickte er Frauen und Männer gleichzeitig und in modischer Symbiose über den Laufsteg.

Bei Lemaire ging es eine Spur puristischer zu. Wer bei der Herbst/Winterkollektion auf eine Farbexplosion hoffte, wurde enttäuscht. Beige und unaufgeregtes Anthrazit waren die dominierenden Farben der Anzüge. Diese waren so weit geschnitten, dass auf den ersten Blick nicht zu erkennen war, ob Mann oder Frau mit steinerner Miene über den Laufsteg schlich.

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Pre-Spring 2020 fittings at rue du Temple. #lemaire

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Ein ähnliches Bild bei Balenciaga. Auch hier war Oversize en masse angesagt. Männlein wie Weiblein trugen bei der Präsentation in Paris Überlänge und so viele Schichten, dass der Lagen-Look praktisch neu definiert wurde. Schwarze Rollkragenpullover wurden von XXL-Jacken in Karo-Muster bedeckt. Dazu kombinierten die Designer Dreiviertelhosen und Stiefel in Beige.

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Fall Winter 18

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Sinn und Sinnlichkeit

Egal ob Thom Browne, AMI, Lemaire oder Balenciaga – so unterschiedlich die Modehäuser den Begriff „Unisex“ auf dem Laufsteg interpretieren, so fraglich ist es, inwieweit der Haute-Couture-Style im Alltag umsetzbar ist. Wohl jede Frau hat sich schon mal den Hoodie vom Freund geschnappt oder mit einer Boyfriend-Jeans im Schaufenster geliebäugelt. Wann und ob Faltenröcke zum Standard-Sortiment der Männerabteilung gehören werden, steht jedoch noch in den Sternen.

Schön und gut, wenn die Designer dieser Welt dem Schubladendenken den Kampf angesagt haben. Besteht das Ergebnis aber darin, sich für das Zusammenstellen eines Outfits an sämtlichen Schubladen dieser Welt zu vergreifen, darf man durchaus die Frage nach Sinn und Sinnlichkeit stellen.