Ab wann werden Computer und Konsole für Kinder gefährlich?

Nicht nur in der Corona-Isolation ist Zocken für Kinder ein beliebter Zeitvertreib.

Die ganze Familie ist zu Hause – da bedeutet es für Eltern oft eine Verschnaufpause, wenn sich der Nachwuchs mit der Spielkonsole beschäftigt. Hier ist aber Vorsicht geboten.

Kinder und Jugendliche sitzen derzeit zu Hause, ohne Möglichkeit, ihre Freunde zu treffen. Was passiert, wenn der Nachwuchs in dieser Situation zu viel Zeit vor Computer oder Spielkonsole verbringt, erklärt Erziehungswissenschaftler und Familientherapeut Jürgen Eberle, Gründer der Praxis Mediensucht in München, im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

Jugendliche verbringen momentan wohl viel Zeit mit PC und Konsole. Welche Verhaltensweisen der Kinder deuten auf ein Suchtverhalten hin?

Jürgen Eberle: Wir haben heute sehr viele digitale Medien wie Smartphone, Tablet, Spielkonsole und TV. Das sind ganz wunderbare Technologien, die uns schnell und günstig – gerade auch nun in den Zeiten der Corona-Krise – mit wichtigen Informationen versorgen und wir können darüber mit Familie und Freunden leicht in Kontakt bleiben, ohne Gefahr zu laufen, uns anzustecken. Dennoch müssen wir mit diesen Dingen auch massvoll umgehen, denn die Dosis macht bekanntlich das Gift! Ein wesentliches Zeichen einer Sucht ist, wenn etwas weiterhin konsumiert wird, obwohl man bereits Risiken eingeht oder sich schädigt. Und so ist das auch mit den digitalen Medien.

Wenn junge Menschen viele Stunden täglich mit ihren digitalen Geräten interagieren, zeigt sich dies häufig in den anderen Lebensbereichen, in die zunehmend weniger Energie fliesst. Die Schulleistungen werden schlechter, Freundschaften werden nicht mehr gepflegt oder Sport wird vernachlässigt.

Wie beeinflussen Computerspiele die Kinder?

Jürgen Eberle: Neben der Nutzungszeit sind die Medieninhalte bedeutsam. Man begibt sich über die Medien in Welten, die die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen beeinflussen. Gerade bei Computergames, oftmals eher eine Wirklichkeitssimulation als ein Spiel, kann man vieles ausprobieren, allerdings findet dabei auch immer ein Lernen statt, und neue Denk- und Verhaltensoptionen werden eingeübt. In diesem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass Eltern mitbekommen, was medial läuft und dass darüber ein Austausch stattfindet. Junge Menschen können Medieninhalte häufig nur wenig kritisch bewerten und Risiken einschätzen.

Was können Eltern tun, um die Kinder zu schützen?

Jürgen Eberle: Die Mediennutzung gehört heutzutage zu unserem normalen Alltag. Es ist jedoch sehr wichtig, dass die Eltern Einfluss auf den Konsum der Medieninhalte nehmen. Die Spiele sollten passend zum Alter und zum Entwicklungsstand des Heranwachsenden sein. Nach einiger Zeit, beispielsweise einer Stunde, muss dann dringend wieder eine Medienpause stattfinden, damit man sich selbst wieder spürt und auch die Gemeinschaft, in der man lebt. Denn: Mediennutzung stellt häufig eine sehr einseitige Gehirnnutzung dar, nur wenige Gehirnareale werden stimuliert.

Was für Langzeitfolgen drohen, wenn der Nachwuchs jetzt während der begrenzten Zeit der häuslichen Isolation mehrere Stunden pro Tag am PC oder Konsole zockt?

Jürgen Eberle: Die eigentlich natürliche Vielfalt der Lebensgestaltung – Familie, Schule, Freunde usw. – mündet immer mehr in eine Monokultur des Medienkonsums. Das ist für das Gehirn schlecht und auch für die Persönlichkeitsentwicklung. Viele Eltern werden leider erst aktiv, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen ist“ und zum Beispiel in der Schule die Versetzung gefährdet ist. Ab einer gewissen Eskalationsstufe sind dann bereits viele gesunde Aktivitäten weggebrochen und dem Betroffenen machen allein die Medien noch Spass. Und nur mithilfe der Medien sind die Heranwachsenden dann noch in der Lage, für eine emotionale Selbstregulation zu sorgen, soll heissen, angenehme Gefühle zu erleben und unangenehme Geistesinhalte zu bewältigen oder gar zu verdrängen.

Im Kern ist die Mediensucht eine Bindungs- und Beziehungsstörung, die Betroffenen sind nicht mehr wirklich mit der realen Welt in Beziehung, wissen zunehmend weniger, wie man hier schöne Erlebnisse haben kann und benötigen somit die virtuellen Glücksbringer, um ihren Alltag durchzustehen. Soweit muss es jedoch nicht kommen. Daher sollten Eltern darauf achten, dass in Gemeinschaft genügend schöne Erlebnisse miteinander geschaffen werden und für genügend Abwechslung gesorgt ist. Dazu müssen wir miteinander im selben Raum sein – nicht medial -, das benötigt Zeit, Kreativität und Energie. Aber es lohnt sich, denn auch die reale Welt bietet noch immer sehr viel Raum für grosses Glück und vielfältige Abenteuer.