Anna Wilken: «Ich habe mich bewusst gegen das Modeln entschieden»

Anna Wilken spricht in ihrem Buch

Quelle: [M] Arya Shirazi/Eden Books

Anna Wilken landet 2014 bei „Germany’s next Topmodel“ unter den Top Ten. Die Gebärmuttererkrankung Endometriose macht ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung. Der harte Alltag eines Models ist aufgrund von Krämpfen und Schmerzen kaum noch zu bewältigen, wie sie jetzt im Interview erzählt.

Anna Wilken (23) hat Endometriose. Im Alter von 13 Jahren bekam die einstige „Germany’s next Topmodel“-Kandidatin den Verdacht der Gebärmuttererkrankung gestellt. 2015 erhärtete sich dieser, wie sie nun im Gespräch mit der Redaktion berichtet. Seither sucht die 23-Jährige mit dem Thema mehr und mehr die Öffentlichkeit. Ihr Buch „In der Regel bin ich stark“ (erscheint am 10. September) erzählt die Geschichte ihrer eigenen Reise und Entwicklung. Was zu dieser dazugehört? Schmerzmittel im Club, nächtliche Fahrten zur Notapotheke und überrumpelnde Nachrichten in der Kinderwunschklinik.

Wünschen Sie sich ab und an, Ihren Körper gegen einen anderen tauschen zu können?

Anna Wilken: Definitiv. Der Gedanke, warum Frauen das mitmachen müssen und Männer nicht, kam mir natürlich schon mehrmals. Die Periode ist ja so oder so schon nervig. Endometriose ist eine zusätzliche Einschränkung. Man fühlt sich manchmal einfach nicht weiblich, nicht leistungsfähig, hat Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Das sind alles Sachen, die meiner Meinung nach nicht zum Frausein dazugehören. Und generell: Wenn man sich körperlich unwohl fühlt – egal, ob männlich oder weiblich – fühlt man sich einfach nicht zu der Person hingezogen, die man eigentlich ist.

Andere haben die Nacht zum Tag gemacht, Sie lagen mit Schmerzen im Bett. Inwieweit hat Sie Ihre Erkrankung Ihre Jugend gekostet?

Wilken: Endometriose hat mich in meiner Jugend und Pubertät wirklich eingeschränkt. In der Zeit meiner Periode konnte ich zum Teil nicht zur Schule gehen. Ich habe nie am Schulsport teilgenommen. Und später gab es eine Zeit, in der ich sogar ängstlich war, auszugehen. Ich habe mit 16 oder 17 Jahren Ibuprofen in den Club mitgenommen. Einfach, weil ich sowieso immer irgendetwas hatte.

Wie ist Ihr Umfeld damals mit der Situation umgegangen?

Wilken: Ich stand manchmal relativ allein da. In meiner Familie war ich die Einzige, die von Anfang an an dem Verdacht der Endometriose festgehalten hatte. Die anderen haben immer nur gemeint: „Ach was, das ist psychisch“. Und da ich schon immer sehr empfänglich für Emotionen war und sich das häufig auch auf meinen Körper auswirkt, habe ich das früher oft zu hören bekommen. Dazu bin ich in meiner Jugend auch schon sehr gross und sehr dünn gewesen, meine Eltern sind zudem geschieden. Und es ist ja klar, dass die Beschwerden davon kommen, dass ich zu dünn und auch noch ein Scheidungskind bin. Das sind so Punkte, bei denen man gefühlt bei jedem unten durch ist.

Ist es richtig, dass Sie Ihren Job als Model aufgrund der Erkrankung aufgegeben haben?

Wilken: Ich habe das Modeln nicht gänzlich an den Nagel gehängt, aber mich vor knapp drei Jahren doch schon bewusst dagegen entschieden. Einfach, weil ich dem nicht gut standhalten konnte. Als Fitting-Model steht man in der Regel den ganzen Tag herum, zumeist in Unterwäsche und in kühlen Räumen. Das ist nicht gerade förderlich für den Unterleib. Und auch psychisch war das immer ein grosser Druck für mich, weil ich nie richtig fit war. Wenn man am Tag aber 15 Castings hat und von einem Spot zum anderen rennt, muss man fit sein.

Trauern Sie der Modelkarriere nicht auch ein wenig nach?

Wilken: Ich muss zugeben, ich vermisse das Modeln ganz oft. Jobs, die ankommen, nehme ich natürlich immer noch gern an. Ich liebe das schliesslich über alles. Aber seitdem ich das Ganze ein wenig zur Seite gestellt habe, ist mir dieser Druck genommen. Und das tut mir gut.

Sie leben seit fünf Jahren in einer Beziehung. Konnte Ihr Partner, Sargis Adamyan, Sie in Ihrem Leiden von Anfang an verstehen und unterstützen?

Wilken: Das war anfangs schon schwierig. Weil Sargis nicht begreifen konnte, was ich ihm manchmal vorgeworfen habe. Gerade in den Zeiten, in denen es mir wirklich schlecht ging. Mittlerweile denke ich mir: Okay, vielleicht hätte ich ihn auch mal verstehen müssen. Für ihn ändert sich ja auch alles schlagartig. Wenn die Freundin auf einmal immer irgendetwas hat und sich alles nur noch um eine Erkrankung dreht, die man weder anfassen noch sehen kann. Es hat aber oft genug die Situation gegeben, in der er mit mir nachts zur Notfallapotheke fahren musste und gemerkt hat: Mir geht es wirklich scheisse.

Mit 21 Jahren haben Sie sich in einer Kinderwunschklinik beraten lassen. Dort sagte man Ihnen: Jetzt oder nie. Wie war das für Sie?

Wilken: Ich war mit der Situation super überfordert. Es war für mich sehr schlimm, so vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Das ist auch der Grund, warum ich mich erst ein Jahr später auf eine Behandlung eingelassen habe. Ich habe wirklich gedacht, ich sei im falschen Film. Ich hatte fast ein Jahr lang nur Albträume.

Mittlerweile haben Sie befruchtete Eizellen einfrieren lassen. Wie sieht Ihre familiäre Zukunftsplanung aus?

Wilken: Ich bin derzeit noch auf meiner ganz eigenen Reise. Und da das meine grösste Privatsphäre ist und auch noch eine hohe Belastung für mich darstellt, werde ich mit niemandem ausser mit meinem Freund oder meinem engsten Umfeld über dieses Thema sprechen.