Abnehmen ohne Druck? „Emotionen sind der Schlüssel zum Erfolg“

Unser Essverhalten hängt mit der Psyche zusammen.

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Wer langfristig abnehmen und sich in seinem Körper wohlfühlen möchte, müsse verstehen, dass Emotionen und Essverhalten zusammenhängen, verrät Felix Klemme. Ein Gespräch über Druck bei Diäten und psychische Ursachen für Übergewicht.

Oft ist der Druck beim Abnehmen gross. So gross, dass er zu Frust führen und dafür sorgen kann, dass sich die Motivation in Luft auflöst. Dabei sei es wichtig, „sich der Emotionen bewusst zu werden, die einen immer wieder in ein Essverhalten treiben, von dem man sich lösen will“, weiss Felix Klemme, Autor von „Natürlich abnehmen“ (Knaur). Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt der Life-Coach und Sportwissenschaftler, worauf es beim Abnehmen wirklich ankommt und inwiefern Psyche und Essverhalten miteinander verknüpft sind.

Diäten sind im Januar besonders beliebt, genauso gross ist aber der Druck, Diäten durchzuziehen. Was sind die häufigsten Gründe, warum langfristiges Abnehmen mit Diäten oft nicht gelingt?

Felix Klemme: Nahezu jede Diät ist für einen begrenzten Zeitraum festgelegt. Das bedeutet im Klartext, dass jemand für eine bestimmte Zeit eine andere Ernährung wählt und diese danach wieder beendet. Wer ein Leben lang gesund sein will, ist gefordert, ein Leben lang für die Gesundheit zu sorgen. Dabei ist Diät dann als das zu verstehen, was es übersetzt auch bedeutet: Lebensstil. Und genau den gilt es anzupassen und lebenslang umzusetzen. Wer das Schritt für Schritt macht, wird dann auch erfolgreich sein.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch „Natürlich abnehmen“ darüber, ohne Diät langfristig abzunehmen. Worauf kommt es dabei an?

Klemme: Fatal ist, dass nach wie vor die meisten Menschen Übergewicht ausschliesslich auf Ernährung und Bewegung begrenzen. Die Ursache für jedes Übergewicht liegt jedoch in der Welt der Emotionen, die uns dann in ein ganz bestimmtes Verhalten treiben. Essverhalten ist auch Verhalten. Dazu muss man verstehen, dass Emotionen gespeicherte Erfahrungen aus unserem Leben sind, die wir meist aus negativen Erlebnissen abspeichern. So kann beispielsweise jemand, der aus Langeweile isst, Essen als Lösungsstrategie entwickelt haben, um sich besser zu fühlen. Fett und Zucker wirken auf unser Gehirn und erzeugt positive Gefühle. Um das Körpergewicht nachhaltig zu verändern, gilt es, die Emotionen zu lösen, die wir in unserem Unterbewusstsein haben und die uns dann immer wieder in ein falsches Essverhalten führen.

Gehören Druck und Disziplin nicht zum Abnehmen dazu?

Klemme: Leider ist das meist die Regel. Und in der Regel scheitern die meisten Diäten. Druck und eiserne Disziplin erhöhen den Stress, der sowieso schon gross genug ist, wenn man die Ernährung umstellt. Denn Veränderung ist immer Stress für unseren Körper. Zudem ist es wichtig, die Emotionen aus dem Unterbewusstsein aufzudecken, die in ein Essverhalten führen, von dem man sich befreien will. Genau hier beginnt der wichtigste Teil beim Abnehmen: Coaching und das Aufspüren unterdrückter, negativer Gefühle.

Was kann man tun, damit der Druck beim Abnehmen nicht zu gross wird?

Klemme: Wichtigster Schritt: Sich der Emotionen bewusst werden, die einen immer wieder in ein Essverhalten treiben, von dem man sich lösen will. Wer das schafft, schafft Raum für viel mehr Möglichkeiten und nimmt den schwersten Druck raus.

Zweitens: Abnehmen nie als Diät sehen. Denn damit programmieren wir uns von Anfang an auf Sabotage. Unser Unterbewusstsein sagt dann: „Wozu verändern, wenn in zwei Monaten alles wieder vorbei ist?“

Drittens: Veränderung ist immer Stress für unseren Körper. Deshalb kleine Veränderungen machen, die einfach umsetzbar sind und wenig Aufwand bedeuten.

Viertens: Dinge verändern, die Freude machen. Wer einfach keinen Brokkoli mag, obwohl er sehr gesund und hilfreich beim Abnehmen ist, sollte sich dazu nicht zwingen. Das betrifft alles andere auch.

Fünftens: Abnehmen bedeutet immer Veränderung, die nicht nur auf der Waage sichtbar wird, sondern die sich auch im sozialen Umfeld auswirkt. Bereit dafür sein, sich von Beziehungen zu lösen, die einem nicht guttun und die einen möglicherweise sogar immer wieder in negative Verhaltensmuster treiben.

Wie vermeidet man den bekannten Jo-Jo-Effekt?

Klemme: Das haben die meisten Menschen womöglich so noch nie irgendwo gelesen, aber das ist aus der Sicht der Gehirnforschung absolut logisch: Indem man die Emotionen löst, die in ein Verhalten führen, was Übergewicht begünstigt. Genau deshalb ist Coaching so wichtig. Wer nur an der Bewegung und Ernährung arbeitet, macht quasi auch nur eine Diät auf Zeit, denn das Unterbewusstsein wird sich auf Strecke immer wieder mit emotionalen Mustern zurückmelden und dann in Verhaltensmuster treiben, von denen man sich eigentlich lösen wollte.

Inwiefern hängen Psyche und Emotionen mit dem Essverhalten zusammen?

Klemme: Dort liegt der Schlüssel. Wir speichern Lebenserfahrungen nicht nur in unserem Gehirn, sondern auch in unserem Körper. Die Psycho-Neuro-Immunologie forscht genau auf diesem Gebiet der Verbindungen von Psyche, Körper und Verhalten. Wer Essverhalten als Verhalten versteht, wird einen wichtigen Schritt machen, um Übergewicht in seiner Entstehung zu verstehen und den Weg damit zurückfinden in ein Gewicht, in dem man sich wohl fühlt.

Reicht es, die Ernährung umzustellen oder ist Sport unumgänglich?

Klemme: Ernährung und Bewegung sind die logische Folge davon, wenn vorher Emotionen, die ein ganz bestimmtes (Ess-)Verhalten ausgelöst haben, gelöst wurden. Denn die Emotionen zwingen uns unbewusst in Verhaltensformen, die wir zwar nicht wollen und sogar wissen, dass sie nicht gut für uns sind und wiederholen dieses Verhalten trotzdem immer wieder. Es ist wichtig, dass wir unsere Emotionen lösen und befreien und uns so ernähren und bewegen, dass wir Freude daran haben. Dann verlieren wir unsere überschüssigen Kilos nebenbei und vor allem nachhaltig.