Jean-Claude Van Damme: „Die Muskeln aus Brüssel“ werden 60

Jean-Claude Van Damme im Januar dieses Jahres

Quelle: Carrie-nelson/Imagecollect.com

Geburtstagskind Jean-Claude Van Damme hat in seiner Karriere schon gegen vieles gekämpft: Gegen den „Karate Tiger“, gegen Dolph Lundgren, gegen seine Kokainsucht und oft genug auch gegen sich selbst.

Selbstbewusst lauert er in der Ringecke. Er steht oder hockt dort aber nicht, er macht auf den Ringseilen einen Spagat und mustert verachtend seine Gegner. Jean-Claude Van Damme war Mitte 20, als er in „Karate Tiger“ sowohl seinen Durchbruch feiern als auch sein ewiges Markenzeichen etablieren konnte. Quasi kein Film, kein Auftritt, ja noch nicht einmal ein Volvo-Werbespot kam fortan ohne dem Van-Damme-Split aus, bei dem Otto Normalmann allein vom Anblick stechende Phantomschmerzen durch die Leiste schiessen.

Wie gut, dass „Die Muskeln aus Brüssel“ auch mit nunmehr 60 Jahren noch in der Lage zu sein scheinen, den Gesetzen der männlichen Anatomie zu trotzen. Auch, wenn er immer seltener im Rampenlicht die Gelegenheit dazu bekommt.

Starthilfe durch Chuck Norris

Dass es der belgische Muskel-Import überhaupt nach Hollywood schaffte, ist massgeblich einer anderen Haudrauf-Legende zu verdanken. Mit wenig Geld, noch weniger Erfahrung und dafür umso mehr Ehrgeiz zog es Van Damme Anfang der 1980er Jahre als frischgebackenen Mr. Belgium in die USA, um dort als Schauspieler durchzustarten. Ein Traum, von dem nur allzu viele Glücksritter meist früher denn später jäh aufwachen. So auch Van Damm.

Statt der Leinwandkarriere als Actionheld musste er zunächst für mehrere Jahre als Türsteher Besoffene aussortieren. Doch das Schicksal meinte es gut mit Van Damme: Der Club, vor dem er Nacht für Nacht seine Karate-Fähigkeiten verschenkte, gehörte Chuck Norris (80) und dessen damaliger Frau. Norris war so angetan vom jungen Belgier, dass er ihm einen Job als Stuntman in seinem Film „Missing in Action“ verschaffte. Seinen Fuss hatte Van Damme somit – zu diesem Zeitpunkt noch ohne Spagat – in die Tür Hollywoods geschoben.

Die Ära Van Damme

1986 dann sein denkwürdiger Auftritt in „Karate Tiger“, allerdings nicht als Titelheld, sondern Antagonist Ivan Kraschinsky. Erst im Prügler „Bloodsport“ von 1988 sollte Van Damme erstmals der Held einer US-Produktion sein. Es folgte die Action-Karriere eines US-Einwanderers, die zu dieser Zeit nur von jener eines Arnold Schwarzenegger (73) in den breiten Schatten gestellt wurde. Mit Ausnahme eines winzigen Gastauftritts von Van Damme in Schwarzeneggers Streifen „Last Action Hero“ kamen sich die beiden aber nur einmal und wesentlich später in die Quere – 2012 in „The Expendables 2“.

Mit Dolph Lundgren (62) knallte es dagegen früher. 1992 hetzte Regisseur Roland Emmerich (64) die beiden Kanten in „Universal Soldier“ aufeinander. Ab diesem Zeitpunkt war Van Damme mindestens einmal pro Jahr als knüppelharter Kämpfer auf der Leinwand zu sehen, von der Videospiel-Verfilmung „Street Fighter“ (1994) über „Sudden Death“ (1995) bis hin zu „Maximum Risk“ (1996) oder „Double Team“ (1997) an der Seite von Dennis Rodman (59).

Der Absturz und der vermeintliche Aufstieg

Wer hoch kickt, dem droht der Tiefschlag. Das stellte Van Damme am eigenen, durchtrainierten Leib fest. Seine ewig gleichen Rollen liessen ihn zunehmend zum Klischee verkommen, jahrelange Kokainsucht tat ihr übriges: „Das System Hollywood ist eine Einbahnstrasse. Du willst den Ruhm und den Luxus nicht aufgeben. Ich war ständig unterwegs und umgeben von Dealern und Anwälten. Dabei habe ich den Sinn für die Realität verloren“, sagte er 2009 zum „Spiegel“.

Kurz vor dem Interview war gerade sein neuer Film „JCVD“ erschienen, benannt nach dem Akronym seines einst so schillernden Namens. Vier Ehen hatte er schon durchgebracht, befand sich seit 1999 (dies aber bis heute) in seiner fünften. Seine Filme kamen zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren nur noch als „Direct to DVD“ heraus. Seine Karriere schien mit 48 in Frührente gegangen zu sein.

In der Tragikomödie „JCVD“ spielt Van Damme sich selbst, vermischt Realität mit Fiktion und dekonstruiert mal eben sein gesamtes Schaffen. Der Jean-Claude Van Damme darin ist kein Held mehr, sondern ein müder, abgehalfterter Möchtegern, der sich mit stupiden B-Movies über Wasser hält.

Ausgerechnet dieser schonungslose Seelenstriptease sollte Van Damme erstmals Kritikerlob für seine schauspielerische Leistung einbringen. „Time“-Kritiker Richard Corliss etwa befand seine Darbietung im Artikel „Jean-Claude Van Damme verdrischt sich selbst den Arsch“ als „die „feinste […] Performance, die ich in diesem Jahr gesehen habe, und ich scherze nicht“. Grosse Worte in einem Jahr, in dem Heath Ledger den Joker mimte…

Keine grosse Renaissance

Wirklich Kapital konnte Van Damme allerdings nicht aus dem unverhofften Kritikerliebling schlagen. Die grösste Produktion, die folgte, war 2012 das Actionstar-Klassentreffen „The Expendables 2“, bei dem Van Damme übrigens eine interessante Teilnahmebedingung an Sylvester Stallone (74) gestellt haben soll. Nur, wenn Steven Seagal (68) NICHT mitwirkt, werde Van Damme dabei sein. Seit vielen Jahren schwelte zwischen den beiden ein Showkampf, in dem sie sich gegenseitig als Nachahmer verbal verhauten.

Auch als Serienstar war Van Damme 2016 keine grosse Renaissance vergönnt. Nach nur einer Staffel war mit der Amazon-Produktion „Jean-Claude Van Johnson“ schon wieder Schluss. Und so blieb ihm in den vergangenen Jahren wieder nur die B-Movie-Sparte – mit einschlägigen Machwerken wie „Kickboxer: Die Vergeltung“, „Kickboxer: Die Abrechnung“ oder „Kill’em all“.

Nur einmal grüsste Van Damme in der jüngeren Vergangenheit noch von allen digitalen und analogen Schlagzeilen. 2013 war das, dank eines Werbespots für Volvo, flankiert von zwei Lastwägen. Was er zwischen den Rückspiegeln der Lkws tat? Na, was wohl. Jede Männerleiste erinnert sich daran.